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Position 2: Falscher Alarm

Der Wissenschaftler Leonardo Maugeri hat im Jahr 2004 für Aufsehen gesorgt, als er in der Wissenschaftszeitschrift "Science" in einem ausführlichen Beitrag die Meinung vertrat, dass das Zeitalter des Öls noch lange anhalten werde. Direkte Kritik hat Maugeri an den Vertretern der entgegen gesetzten These geübt, die von einem nahenden Erreichen des Zeitpunktes ausgehen, an dem das Fördermaximum beim Erdöl erreicht sein werde. Die Einschätzung Maugeris basiert auf einer Reihe von Annahmen.



Historische Hysterie

Zunächst einmal stellt Maugeri die Prognosefähigkeit seiner Gegenspieler grundsätzlich infrage. Er verweist auf eine Reihe von historischen Gegebenheiten, bei denen es eine Öl-Hysterie gegeben habe: Mehrfach schon sei "Endzeitstimmung" aufgekommen, etwa 1919, als in den USA davon ausgegangen worden sei, dass die landeseigenen Vorräte in neuen Jahren aufgezehrt sein würden. Rückblickend wirkt das lächerlich.

Maugeri sieht es als gegeben an, dass es Zyklen im Ölgeschäft gebe, nach denen Goldgräberstimmung mit Untergangszenarien abwechselten. In die letztere Kategorie fällt seiner Einschätzung nach die Annahme, der Zeitpunkt des Fördermaximums sei erreicht.



Falsche Prognosen

Der zweite Ansatzpunkt sind die Prognosen, die durch die einschlägigen Vertreter der Gegenmeinung vorgestellt werden. Zum einen kritisiert Maugeri die Verwendung eines Berechnungsmodells, die so genannte Hubbert-Kurve: Zwar habe diese in den USA recht gut funktioniert, sei jedoch für eine globale Einschätzung ungeeignet. Dafür nennt er zwei Gründe. Einmal sei die USA geologisch weit besser ausgelotet worden, als die übrigen Regionen der Welt, die über Erdöl verfügten. Zweitens würden wirtschaftliche Faktoren und technische Innovationen unberücksichtigt.

Bestätigt fühlt sich Maugeri durch die vielen Prognosen über das Erreichen des Fördermaximums, aber auch hinsichtlich der vorhandenen Reserven. So hat der pointierteste Vertreter dieser Sichtweise, D.Campell, in den letzten Jahren mehrfach eine Selbstkorrektur vornehmen müssen.



Fokus auf konventionelle Öle

Der nächste Kritikpunkt ist die Fokussierung auf konventionelle Öle, die bei den "Untergangsszenarien" vorgenommen werde. Die Schätzungen der Ölvorkommen ließen so genannte unkonventionelle Öle außer Acht: Das sind zum Beispiel die Ölsande in Kanada oder Schweröle in Venezuela und Russland. Hier wären die Förderkosten im Fallen begriffen, während der Ölpreis die Schwelle der Wirtschaftlichkeit gleichzeitig senke.

Der Hintergrund der Einschätzung ist, dass es sich bei der Darstellung von Reserven oder "abbaubaren Ressourcen" immer um eine wirtschaftliche Darstellung und nicht allein geologische handeln müsse. Denn hohe Preise und fortschrittliche Technologien würden aus bloßen Ressourcen dann Reserven machen.



Ölvorkommen erweitern sich

Bei seiner Argumentation stützt sich auf die historische Erfahrung, nach der die verbleibenden Reserven von bereits bekannten Ölfeldern wachsen. Das liege an vier Faktoren: Technologie, Preis, politische Entscheidungen und bessere Kenntnisse über die vorhandenen Ölfelder.

Als Beispiel nennt er das Kern River Ölfeld in Kalifornien, das 1899 entdeckt worden ist. 1942 habe man 54 Millionen Barrel als verbleibende Reserven berechnet. Bis 1988 seien aber 736 Millionen Barrel gefördert worden, die verbleibenden Reserven wurden auf 970 Millionen Barrel geschätzt. Maugeri geht davon aus, dass sich diese grundsätzliche Dynamik für die nächsten Jahrzehnte fortsetzen wird. Hier setzt er u.a. auf Regionen wie Kasachstan, wo er angesichts des gewaltigen Territoriums und geringer Probebohrungen von einem erheblichen Zusatzpotenzial ausgehe.



Konstantes Zeitfenster für Erdölnutzung

Maugeri weist außerdem darauf hin, dass sich das Zeitfenster für die Nutzung des Erdöls seit Jahrzehnten nicht verändert hat. So ist man bereits im Jahre 1975 davon ausgegangen, dass die Reserven für 35 Jahre reichen, 2003 waren es 40 Jahre. Alle wichtigen Experten seien sich darüber einig, dass man nachgewiesene Reserven von mehr als einer Billion Barrel habe, insgesamt verfüge die Welt über mehr als drei Billionen Barrel.

Die sinkende Zahl an Neufunden sieht Maugeri nicht als Problem an, sondern als Zeichen geringer Investitionsneigung und mangelnder Innovationen. Vor allem die zeitweise sehr niedrigen Ölpreise hätten zu einem Investitionsstau geführt, wodurch Länder wie Saudi-Arabien und Irak ihr Öl nur aus alten Ölfeldern schöpfen würden.



Fazit

Maugeri geht davon aus, dass es nicht zu einer globalen Ölkrise kommt. Allerdings lassen sich auch dieser Argumentation zufolge verschiedene Risikofaktoren erkennen. Um das von ihm angenommene Potenzial auszuschöpfen, muss investiert werden. Gerade weil die Ölpreise aktuell so hoch sind, müsste sich der Investitionsstau auflösen, sonst geriete sein Argumentationsmodell ins Rutschen.

Faktoren, wie die höhere Umweltverschmutzung bei der Ausnutzung unkonventionellen Öls und die sprunghaft steigende Nachfrage durch die wirtschaftliche Entwicklung Chinas und Indiens spielen in diesem Szenario ebenfalls keine erkennbare Rolle.


 
 

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