Auto-News
Anzeige

Warum wir uns (nicht) an Verkehrsregeln halten

11.10.2017
Warum wir uns (nicht) an Verkehrsregeln halten

Wenn es auf der Straße kracht, ist die Ursache fast immer
menschliches Fehlverhalten: Meist hat einer der Beteiligten die
Verkehrsschilder nicht beachtet, war zu schnell unterwegs oder zu
dicht auf den Vordermann aufgefahren, um noch rechtzeitig bremsen zu
können.




In anderen Ländern steht es um die Verkehrsmoral auch nicht
besser. An stark befahrenen Kreuzungen in Wien/A etwa beobachteten
Sicherheitsforscher vor einigen Jahren, dass 60 Prozent der
Pkw-Fahrer vor dem Abbiegen nicht blinkten, und jeder zehnte
Fußgänger überquerte trotz Rotphase die Straße.




„Fahrer ebenso wie Fußgänger glauben oft fälschlich, die
Situation einschätzen zu können, übersehen aber andere
Verkehrsteilnehmer", erklärt Dr. Ralf Buchstaller von TÜV Nord.
Andere hingegen bremsen an Kreuzungen vorschriftsgemäß auch dann
ab, wenn weit und breit niemand zu sehen ist und weder Gefahren noch
Sanktionen wie der Verlust des Führerscheins drohen. Zu verdanken
sei das der Macht sozialer Normen, erläutert der Psychologe: „Wenn
sich die Mehrheit an die Regeln hält, tun wir es auch, um nicht
unangenehm aufzufallen oder gar ins gesellschaftliche Abseits zu
geraten." Viele soziale Gepflogenheiten verinnerlichten wir mit der
Zeit so sehr, dass sie sogar zu unseren eigenen Einstellungen und
Überzeugungen werden.




Wie sehr sich die Bürger zum Einhalten von Regeln verpflichtet
fühlen, hängt unter anderem von der Kultur eines Landes ab. Die
höchste Verkehrsmoral beanspruchen Niederländer, Österreicher und
Kanadier für sich: Sie gaben 2016 in einer Onlinestudie mit mehr als
6000 Befragten beispielsweise am seltensten an, dicht aufzufahren
oder mit dem Handy in der Hand zu telefonieren. Deutsche schafften es
immerhin in die Top Ten der 41 Länder; das Schlusslicht bilden
Ägypten, Algerien und Tunesien. Je mehr Regelverstöße und Unfälle
die Teilnehmer einräumten, desto mehr Menschen starben auch in ihrem
Land im Straßenverkehr.




Der Zusammenhang zwischen individuellen Regelwidrigkeiten und
offiziellen Verkehrstoten war sogar überaus stark. Die
Wissenschaftler erklären sich das mit dem Entwicklungsstand der
Länder: Je minder fortgeschritten eine Gesellschaft, desto weniger
kümmere sie sich darum, die Straßenverkehrsregeln durchzusetzen.
Noch dazu spiele hier ein kurioser Faktor mit hinein: In den
betreffenden Regionen herrschten häufiger wärmere Temperaturen.
Darunter leide auch die Verkehrsmoral, denn bei Hitze reagieren
Menschen aggressiver und unbeherrschter.




Natürlich ist das Verhalten auf der Straße auch eine Frage der
Persönlichkeit. Wissenschaftler um den israelischen Verkehrsexperten
David Shinar suchten nach solchen Charaktermerkmalen, indem sie 500
Menschen online um Selbsteinschätzungen baten. Jene mit typisch
männlichen Eigenschaften, beispielsweise dominant und wenig
nachgiebig, verstießen nach eigenem Bekunden auch häufiger gegen
die Verkehrsregeln - aus Lust am Risiko und der Abwechslung.




Männer scheren sich entsprechend als Fußgänger seltener um rote
Ampeln als Frauen. Allerdings hat die Kultur eines Landes darauf
einen weit größeren Einfluss als das Geschlecht, wie eine
Feldstudie zeigte. Per Kamera beobachteten Wissenschaftler mehr als
5000 Fußgänger an Ampelübergängen in Straßburg/F sowie in der
japanischen Stadt Nagoya. Mit erstaunlichem Ergebnis: 42 Prozent der
Franzosen gingen bei Rot über die Straße, aber nur zwei Prozent der
Japaner.




Außerdem ließen sich Franzosen doppelt so oft wie Japaner dazu
verleiten, die Straße bei Rot zu überqueren, wenn andere
Mitwartende den Anfang machten. Waren sie allein, missachteten die
Fußgänger das Rotlicht allerdings am häufigsten - in Japan ebenso
wie in Frankreich. Demnach hält man sich in beiden Kulturen vor
allem deshalb an die Regeln, weil man selbst bei wildfremden Menschen
keinen schlechten Eindruck hinterlassen möchte. Besonders stark ist
diese Sorge im kollektivistisch geprägten Japan. Menschen in
westlichen Kulturen orientieren sich aus Forschersicht weniger an
Regeln und hierarchischen Strukturen.


Die Herkunft bestimmt die Fahrweise sogar stärker als das
individuelle Risikoempfinden. Das fanden norwegische und türkische
Psychologen heraus, als sie 2400 Probanden aus acht Nationen nach
ihren Einstellungen zu Straßenverkehrsregeln fragten. In einigen
Kulturen waren die wahrgenommenen Risiken sogar bedeutungslos für
das Verhalten im Straßenverkehr. Die Forscher schlussfolgern:
„Maßnahmen, die für mögliche Gefahren sensibilisieren wollen,
eignen sich mehr für individualistische, westlich orientierte
Länder."




Der drohende Führerscheinverlust genügt schon, um die
Risikofreude zu bremsen. Das stellten US-Forscher 2017 fest, als sie
2400 unfreiwillige Versuchspersonen an Kreuzungen in Alabama
beobachteten: Angesichts von Radarfallen verdoppelte sich die
Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer während der gelben Ampelphase
stoppte. Ein Versicherungsinstitut in den USA zeigte die Folgen
anhand von Daten aus 117 Städten auf. Nachdem einige Städte Blitzer
montiert hatten, lag an den betreffenden Kreuzungen die Zahl der
Verkehrstoten um 14 Prozent niedriger als an ‚vergleichbaren‘
Orten ohne Radarfallen. (dpp-AutoReporter/wpr)



Die Top 10 News:

Alkoholisierte Radler riskieren Auto-Führerschein

München: US-Topautos im Abo

Triumph und Bajaj kündigen Zusammenarbeit an

Köln: Mazda startet Carsharing-Pilotprojekt

Daimler investiert 600 Millionen Euro in Brasilien

Allwetter-Reifen setzen sich durch

Herbstwind: Aufmerksame Ruhe bewahren

Warum wir uns (nicht) an Verkehrsregeln halten

Harley-Davidson mit vier Jahren Garantie

ARAG: Gefährliche Verkehrsverstöße werden teurer

Anzeige
Erste Schritte
Anzeige