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Daihatsu Materia: Hier kommt Kult.

10.12.2006
Die haben Mut. Daihatsu bringt den Materia nach Deutschland. Vor ein paar Jahren, als die ersten "Sitzkisten" durch Tokio rollten, gab es nur wenige, die sich diese Fahrzeugklasse auch in Europa, dem Kontinent mit dem perfektesten Automobildesign, vorstellen konnten. Autos, die aussahen wie mit dem "Kleinen Automann" selbst gebastelt, gab man hier keine Chance. Jetzt ist das erste da, und siehe da - es hat das Zeug zu einem Kultauto.

Von der Seite erinnert der Materia an das Retrodesign des Chrysler PT Cruiser. Auch er wirkt wie Gangsterauto aus den 40-gern - allerdings auf 3.80 Meter Länge verkleinert. Von vorn wirkt er eher bullig, frech und neugierig wie ein Jungstier. Und das Heck mit seiner durchgehenden Gestaltung aus Heckleuchten und breitem Chromstreifen ist zweifellos gelungen, besser als bei vielen anderen Automobilen mit großer und steiler Heckklappe.

Steil ist eines der Stichworte, die bei der Beschreibung des Materia nicht fehlen können. Eine steile Frontscheibe über einer senkrecht aufsteigenden Schnauze und die senkrechten Seitenwände sowie das schon gelobte steile Heck verschaffen zusammen mit den kurzen Überhängen vorn und hinten erstaunlich viel Raum nach allen Seiten. Auch in der Höhe hat der Materia so viel zu bieten, dass selbst Sitzriesen noch viel Abstand bis zum "Himmel" haben.

Selbst hinter den Sitzriesen bleibt erstaunlich viel Platz. Wenn man die Hecksitzbank um 160 Millimeter ganz nach hinten schiebt, überrascht der Fußraum mit Maßen, die sonst nur bei viel größeren Autos üblich sind. Der Kofferraum reicht dann allerdings nur noch für ein bisschen mehr als zwei Pilotenkoffer. Schiebt man die Bank nach vorn, entstehen 294 Liter Laderaumvolumen. Die Heckbank lässt sich im Verhältnis 60:40 oder ganz umklappen. Dann wächst das Ladevolumen bis auf 1000 Liter, und auch Ladungen von mehr als zwei Metern sind möglich.

Das klingt, als sei der Materia einer jener Alleskönner, die heute so viele Freunde finden, also das richtige Auto für die junge Familie. Das stimmt, aber nicht nur wegen der durchgehend möglichen Liegefläche in dem Kleinen liegt eher der Verdacht nahe, seine wahre Bestimmung werde der Materia eher bei den Versuchen zur Gründung einer Familie finden.

Der Materia passt in keine der bestehenden Fahrzeugkategorien. Er bildet - wie der Smart - eine Klasse für sich. Seine Käufer werden allerdings jünger sein; denn der Materia ist das in Blech gepresste Bekenntnis zu rebellischer jugendlicher Extravaganz.

Sachlich gesehen ist der Materia aber auch nicht mehr als ein kleines Auto von nur wenig mehr als einer Tonne Leergewicht. Er wird mit drei Motoren angeboten. Ab Frühjahr 2007 zunächst als Materia 1.5 mit einem Vierzylinder Benziner mit 76 kW / 138 PS Leistung und einem maximalen Drehmoment von 132 Newtonmeter (Nm) bei 4400 Umdrehungen pro Minute. Das reicht für eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 11,5 Sekunden und mit dem serienmäßigen Fünf-Gang-Getriebe für eine Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h. Später soll noch ein Materia 1.3 und der Materia 1.5 Eco 4WD mit Allradantrieb folgen.

Für den Materia 1.5 muss man 15 490 Euro bezahlen. Das ist kein Schnäppchen Aber angesichts der kompletten Ausstattung mit Klimaanlage, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, CD-Radio mit MP3-Funktion, Nebelscheinwerfern, elektrischen Fensterhebern vorn und hinten, den 15-Zoll-Leichtmetallfelgen, den abgedunkelten hinteren Seitenscheiben, einer abgedunkelten Heckscheibe und vielem mehr scheint das immer noch angemessen. Daihatsu wird sein Ziel sicher erreichen, vom Materia ab Frühjahr 2007 rund 2000 Stück in Deutschland zu verkaufen.

Den 1.3 für 14 490 Euro oder den Allrad für 16 40 Euro können wir allerdings nicht guten Gewissens empfehlen, weil sie sich nicht mit dem Elektronischen Stabilitäts-Programm (ESP) kombinieren lassen. ESP gibt es nur für den Materia 1.5, dort allerdings nur als Sonderausstattung für stolze 500 Euro. Die Liste der Extras enthält noch ein weiteres Sicherheitselement: die Kopfairbags für 450 Euro. Darüber hinaus werden nur noch die Perleffektlackierung für 390 Euro und eine Vier-Stufen-Automatik für 970 Euro extra angeboten.

Die Frage nach dem Luftwiderstandsbeiwert konnte jetzt bei der Präsentation des Fahrzeugs im verregneten Turin niemand beantworten. Dem Materia-Käufer wäre auch ein hoher Wert vermutlich einerlei; denn der Materia fällt auch wie ein Skinhead mit Irokesen-Putz im Opernhaus. Doch offenbar haben Aerodynamiker dennoch Hand an die Karosserie gelegt; denn die Windgeräusche bleiben niedrig und der Verbrauch hält sich mit dem vom Werk angegebenen Durchschnittswert von 7,2 Litern Normalbenzin in erträglichen Grenzen.

Bleibt noch die Frage: Wie fährt er sich denn? Die Schaltung könnte sich etwas glatter bewegen lassen, die Lenkung dürfte ruhig ein bisschen direkter sein, die Federung ist in Ordnung, sein Fahrwerk bereitet auch keine Sorgen, die das ESP nicht wettmachen könnte, die Bedienung ist einfach, die Instrumente der zentral angebrachten Armaturen sind gut ablesbar, man sitzt schön hoch und auch als Großer einigermaßen gut. Aber wen interessiert das schon angesichts der emotionalen Qualitäten dieses Autos.

Auch das modernistische Innendesign, die gut gewählten Materialien, die überzeugende Verarbeitungsqualität - kurz: die inneren Werte werden weniger Aufmerksamkeit finden. Viel mehr dürfte die Frage diskutiert werden, ob man nicht größere Räder montieren kann und welche der acht Farben es sein soll - vielleicht das maskuline Schwarz, mit dem er wirkt wie ein renntauglicher Bestattungswagen für Kleinwüchsige oder doch eher die feilchenfarbene Version.

Daihatsu wird jedenfalls gut beraten sein, beizeiten ein Programm zur Individualisierung des Materia aufzulegen. Es gehört nicht viel dazu vorherzusagen, dass kaum ein Materia lange in der Serienoptik durch die Straßen rollen wird. Die Versuchung, noch eins draufzusetzen, ist einfach zu überwältigend. Hier kommt Kult, hoffentlich ohne Fuchsschwanz. (ar/Sm)

Von Peter Schwerdtmann


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