Auto & Umwelt

Spritpreise: Erstaunlich niedrig

Im Mai des Jahres 2007 erreichte der durchschnittliche Benzinpreis in Deutschland den Wert von 1,40 Euro je Liter. In dieser Lage wurden Experten zitiert, nach denen es durchaus vorstellbar wäre, dass der Spritpreis auf 1,60 oder gar 1,70 Euro steigen würde. Das damalige Horror-Szenario ist ausgeblieben. Tatsächlich sind die Preise im Jahresverlauf nicht auf dieses Niveau geklettert.

Das ist im Grunde genommen erstaunlich, schließlich hat der Ölpreis im Jahresverlauf seinen Rekordstand markiert und hätte – eigentlich – dafür sorgen müssen, dass auch die Spritpreise deutlich weiter steigen. Für diese auf den ersten Blick erstaunliche Entwicklung gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Der Spritpreis hängt nämlich nicht nur am Ölpreis.



Starker Euro wirkt als Schutzschild

Ausgerechnet der Euro ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass die Spritpreise im vergangenen Jahr nicht durch die Decke gegangen sind, obwohl sich der Ölpreis drastisch erhöht hat. Öl wird nämlich in Dollar bezahlt, der Leitwährung des Globus.

Doch der Greenback hat im vergangenen Jahr ordentlich Federn gelassen: Der Wechselkurs hat sich deutlich zu Gunsten des Euro verschoben. Anfang des Jahres zahlte man für einen Euro noch einen Preis von 1,30 Dollar, Ende des Jahres waren es fast 1,50 Dollar. Wäre alles beim alten geblieben, hätte es hierzulande höhere Preise an den Tankstellen gegeben. Umgekehrt sollte man durchaus auf der Rechnung haben, dass der Dollar nicht unbedingt weiter fällt, sondern irgendwann auch einmal wieder steigen kann – mit nachhaltiger Wirkung auf den Preis, den Euro-Länder für das Öl zahlen müssen.

Würden Dollar und Euro wieder auf gleichem Niveau gehandelt, wäre das vom aktuellen Niveau aus gesehen mit einer Preissteigerung von rund 30 Prozent vergleichbar.



Hoher Steuersockel schützt ebenfalls

So seltsam es klingen mag: Sprit ist in Deutschland gar nicht so teuer. Zumindest wenn man die Steuern, die auf den Kraftstoff bezahlt werden müssen herausrechnet. Denn neben dem Preis für den Treibstoff kommen noch die Mineralölsteuer, die Ökosteuer und die Mehrwertsteuer hinzu. So liegt der Preis pro Liter ohne Steuern im unteren Mittelfeld der EU-Staaten, Steuern inklusive jedoch im Spitzentrio.

Der hohe Steuersockel wirkt in gewissem Umfang protektiv: Denn die Steigerung der Ölpreise betrifft vorwiegend jenen Anteil am Gesamtpreis, der auf den Treibstoff selbst entfällt. So schlagen selbst hohe prozentuale Preissteigerungen beim Öl nicht in voller Höhe auf den Gesamtpreis des Kraftstoffes an den Tankstellen durch.



Rechenbeispiel: Verdopplung kostet 43 Prozent mehr

Wenn sich etwa der Preis (inklusive Mwst. für den Rohstoff) für einen Liter Benzin von 60 auf 120 Cent je Liter verdoppeln würde, bliebe davon die Steuerlast von 65,5 Cent je Liter (Mineralöl- und Ökosteuer) und die am Ende aufzuschlagende Mehrwertsteuer von 19 Prozent unberührt: Rund 78 Cent schöpft der Staat unverändert ab. So würde man dann 1,98 Euro rechnerisch zahlen müssen, vor der Verdopplung des Preises wären es 1,38 Euro gewesen. Der rechnerische Zuwachs liegt bei "nur" 43 Prozent, wenn sich der Preis für den Rohstoff verdoppeln würde.

Das grob vereinfachte Beispiel zeigt, dass die Steuern in gewisser Hinsicht protektiv wirken. Beruhigen sollte das allerdings niemanden. Denn langfristig wird Öl tendenziell teurer, glaubt man Experten, und davor schützen die Steuern eben nicht: Auch ein Preis von "nur" 1,98 Euro wäre für viele eine schwere Belastung.



Konkurrenz drückt die Preise

Wenn von "den" Spritpreisen die Rede ist, dann ist das eigentlich eine Chimäre: "Den" Spritpreis gibt es nicht. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es drastische Unterschiede auf regionaler Ebene und im Laufe eines Jahres schwanken die Preise dramatisch oft.

So rechnet die Mineralölwirtschaft damit, dass es pro Jahr mehr als 100 Preiserhöhungen gibt, also fast jeden dritten Tag, aber noch mehr Preissenkungen, in kleinen Schritten. Die Preise an den Zapfsäulen schwanken also wie ein Schiff auf hoher See.

Der Grund dafür liegt in dem immensen Konkurrenzkampf zwischen den Tankstellen in Deutschland. Es gibt einfach zu viele Zapfsäulen hierzulande, die Folge daraus ist ein beinharter Wettbewerb. Die hohe Zahl der Preisveränderungen ist ein Spiegel dieser Situation, die sich erst ändern sollte, wenn die Konsolidierung beendet ist. Konsolidierung steht dabei für die Schließung von Tankstellen, die bereits in vollem Gange ist.

Sinkt auf diese Weise der Konkurrenzkampf, würde wieder Spielraum für höhere Spritpreise an den Tankstellen vorhanden sein.



Steigende Preise nach Konsolidierung

Wenn der Konkurrenzdruck nachlässt, werden nach Einschätzung von Experten die Preise tendenziell leichter steigen können. Allerdings spielt hierbei noch ein anderer Faktor eine wichtige Rolle: Die Überkapazitäten bei den Tankstellen hängen eng damit zusammen, dass hierzulande der durchschnittliche Verbrauch von Pkw auf dem Rückmarsch ist und angesichts der hohen Preise auch bleiben wird.

Zugleich hat sich das Fahrverhalten viele Bürger verändert, es wird weniger und sparsamer gefahren. Beides zusammen lässt der Druck auf die Tankstellen unvermindert hoch. Auch ist die Existenz von Konzern unabhängigen Tankstellen ein weiterer Faktor, der sich mildernd auf die Preise auswirkt. Wer ein paar Cent beim Tanken sparen kann, ohne dabei große Umwege zu fahren, nutzt das aus – und hält Preissteigerungen in Schach.



Sprit: Noch ist er billig

Eine ganze Reihe von Gründen ist dafür verantwortlich, dass die Spritpreise hierzulande immer noch relativ günstig sind, gemessen an der Verdopplung des Ölpreises im Jahr 2007. Das ist keine schlechte Nachricht, allerdings auch nur bedingt eine gute.

Ein Preisschock ist ausgeblieben, doch für die Zukunft sollte klar sein, dass die Preise an den Tankstellen nicht unbedingt sinken, wenn der Ölpreis sinken sollte – schließlich könnten einer oder mehrere der dämpfenden Effekte wegfallen.


 
 

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